Daß es das Internet gibt, hat sich inzwischen wohl
herumgesprochen. Jetzt wird nach Sinngebung verlangt, und begierig lauscht man jenen
Scouts, die uns von ihren "Streifzügen durch die Netzkultur" (so der Untertitel
von Florian Rötzers neuem Buch 'Digitale Weltentwürfe') berichten - in Büchern
und Zeitschriften. Am Anfang steht das große Versprechen. Das "Ganz Andere",
eine Vision kritischer Sozialphilosophen unseres Jahrhunderts, ist endlich da (zumindest
wenn man Barlow oder Negroponte glaubt. Ihr Diskurs lebt vom visionären
Überwindungspathos und provoziert die Kritik). Man kann das auch soziologisch nüchtern
sehen: "Der Gebrauch von elektronischen Mediensystemen führt zu veränderten
Weltvorstellungen und Wahrnehmungen und zu neuen Möglicheiten entwerfenden Denkens in
Wissenschaft, Kunst, Technologie." (Manfred Faßler: Medien-Welten)
Gibt es eine Kulturanthropologie des Netzes? Was
sind hier die Aufgaben einer Medientheorie? Es gilt zu zeigen, wie Medien und Denkstile
sich wechselseitig beeinflussen. Aufgabe der Medientheorie ist es, diese Verflechtungen zu
durchleuchten, in einer Archäologie der kulturellen Codes als den Bedingungen der
Möglichkeit von programmierten Medien-Welten. Hinter den User-Interfaces die Source-Codes
zu öffnen, hinter den Source-Codes die Betriebssysteme und die Materialitäten von
Kommunikation als Bedingungen einer Gebrauchskultur des Netzes (als eine neue Media
Literacy) zu veranschaulichen.
Was ist neu an den kommunikativen Verhältnissen? Es
scheint, wie wenn derzeit die Nervenenden unserer Gesellschaft freigelegt wären. Nach der
Herrschaft der Mechanisierung sorgt das Computing für eine vollkommen veränderte
symbolische Landschaft. Diese Gegenläufigkeit ist das Entscheidende, das es zu begreifen
gilt. Das Internet ist dabei als eine Epistemologie zu fassen, und nicht ontologisch - als
Hardware. Der 'Kulturbruch' spielt sich unter der Oberfläche ab, und ist daher
ontologisch schwer zu fassen. Die Phänomenologen, allen voran Vilém Flusser, entziffern
diesen Bruch als fundamentalen, als menschheitsgeschichtliche Epochenschwelle. Dazu einige
Indizien.
- Neue Epistemologie. Alle Mühe der
Auseinandersetzung in Subjekt-Objekt-Verhältnissen scheint hier überwunden, der
geschichtsphilosophische Ballast einer von der industriellen Revolution geprägten
Geisteskultur wird abgeworfen.
- Vom Subjekt zum Projekt. Das Subjekt tritt von sich selbst zurück:
diese Zukunftsperspektive einer negativen Anthropologie hat zunächst für sich, daß sie
ausbricht aus der Logik des Zerfalls, der die Kulturphilosophie von Schopenhauer bis
Baudrillard anhängt. Ihr weiterer Vorteil besteht aber darin, daß sie
Kommunikationstheorie ist, das heißt nicht die theoretische philosophische Sicht pflegt,
sondern im Übergang von einer Kritik der Mechanisierung zur Erforschung der
elektronischen Umwelt die Immersion, da die Haltung des distanzierten Beobachters eine
problematische geworden ist.
- Ende der Dialektik. In der Praxis der neuen Kommunikationsverhältnisse
sind spezifische Dualismen wie Subjekt und Objekt, Bild und Ding, Fiktion und Realität
nicht mehr operabel. Das 'Wir' ist nicht mehr als Gruppierung von Individuen zu verstehen,
die sich an der Welt abarbeiten, sondern als Knotenpunkt im vernetzten Dialog. Wir leben
nicht mehr in einer Lebenswelt, sondern in einem Pluralismus von Medien-Welten.
Die neue Epistemologie ist keine der Imagination,
sondern der projektiven Einstellung. Ihre Bilder sind kalkuliert, und ihre Wirkung ist
informierend / formgebend. An die Stelle einer Magie des Abbilds, das alle darstellenden
Künste beherrscht, tritt die Einbildung, die konkretisierende Projektion des Virtuellen
im alten philosophischen Sinn des Wortes, der eine innere Kraft oder Möglichkeit
bedeutet. Diese Vorstellung läßt die Entfremdung bewußt hinter sich zurück, die
zwischen Subjekt und Objekt herrscht, zwischen dem Mensch und seinen Apparaten. Die
Verheißungen der Dialektik haben ausgedient. Die Zukunft des Techno-Imaginären hat
dennoch keine scharfen Konturen, die Source-Codes sind wesentlich offen. Diese Vorstellung
kollidiert selbstverständlich mit den Metaphern einer Kultur, die sich als Derivat von
ethisch-humanistischen Idealen versteht: die ideale Abbildung, die perfekte Abstraktion,
Repräsentationen des Geistes in der Kunst - Ideale deshalb, weil sie sich vom gelebten
Leben radikal unterschieden und am Vermittlungsproblem von Theorie und Praxis (resp. Kunst
und Leben) hoffnungslos scheitern; und ethisch, weil sie eine Vorgabe für 'richtiges
Leben' suggerieren. Daran ändern die neuen Medien nichts, und das ist das große
Mißverständnis. Der Kulturbruch ist nicht ein solcher des Apparats, sondern einer
Apparatur, d.h. des Verhältnisses von Menschen und Medien, und den "veränderten
Apperzeptionsbedingungen der Moderne" (Walter Benjamin).
Neue Konstellationen (30-60-90)
Wenn wir von einem Kulturbruch sprechen, dann ist
daran zu erinnern, daß die unterschiedliche historische Praxis von Kulturen - das
magische Abbilden, die Festschreibungen der Druckkultur, das Codieren der Codes in der
digitalen Kultur - jeweils auch einer veränderten gesellschaftlichen Bedarfslage
entspricht. Medien sind bedeutsam in ihrer Funktion für die gesellschaftliche
Reproduktion: während des Industrialisierungsprozesse als Simulation der menschlichen
Muskeln, als prothetische Ausweitungen unserer selbst in der Objektwelt - "the
extensions of man"; lange vor einer Transformation der
Kommunikationsverhältnisse ändern sie als Arbeitswerkzeuge die Relation von Mensch und
Welt. Die Medien dürfen aber nicht länger als bloße Werkzeuge verstanden werden, über
deren Verwendung wir souverän verfügen. In der postindustriellen Phase ändern sie als
'Simulation des Nervensystems' die Grundbefindlichkeit des Menschen selbst, sie sind keine
Ausweitungen unserer selbst mehr, keine Prothesen, sondern das Mediensystem ersetzt jetzt
die philosophischen Konzepte einer transzendentalen Subjektivität. In der Virtualität
der Medien wird nicht zufällig die Phantasie einer kollektiven Intelligenz freigesetzt.
Die zentrale These dabei ist die, daß Medien die Bedingung der Möglichkeit von Kultur
(Bewußtsein, Geist...) sind. Medien übersetzen Erfahrungen, sie sind nicht nur jenseits
von Inhalten, sondern auch jenseits von Ursache-Wirkungsverhältnissen zu begreifen, in
denen die Apparate als Verursacher einer neuen Mediensituation gesetzt werden (vgl. z.B.
Baudrillard mit seinem Konzept einer 'Extase der Kommunikation').
Woran sollen wir aber erkennen, ob etwa das
große Versprechen einer neuen, anderen Kultur eingelöst wird?
Kulturelle Reorientierungen erfolgten meist zu
Zeiten sozialer Spannungen und unsicherer Zukunftsperspektiven, weil die sozialen
Gewohnheiten aufbrechen, in denen man sich eingerichtet hatte. Das war in unserem
Jahrhundert schon mehrfach der Fall. Erinnert sei an die dreißiger Jahre, auch
eine Zeit neuer Kontextualisierungen. Das Montageprinzip wurde mehrfach aufgegriffen, als
geisteswissenschaftliche Methode bei Walter Benjamin, in der bildenden Kunst, vor allem in
dem noch jungen Medium Film. Es wurde weiters die Bildsprache (wieder)entdeckt - Otto
Neurath hatte sein Konzept der International Picture Language entwickelt und als eine neue
Diskursform, als soziale Innovation implementiert. Sergeij Eisenstein reagierte mit dem
Montageprinzip seiner Filme u.a. auf Untersuchungen zu Bildsprachenschriften der
asiatischen Kulturen, ebenso wie die Dichtung sich über die Drucktechnik Gedanken machte
und ihre Schrift 'verbildlichte', d.h. in die Bedeutungskonstruktion mit einbezog. Die
Besinnung auf die bildliche Gestalt der Worte versprach neue sinnliche Erfahrbarkeit (der
heute vergessene Dichter Stefan George hatte beispielsweise seine eigene Drucktype
entwickelt).
In den sechziger Jahren werden die neuen
Konstellationen dann als soziale Bewegung manifest. Woodstock einerseits, Vietnam
andererseits führten als Realereignisse zu einer Redefinition der medialen Kultur und
verdichteten sich dadurch zu Metaphern kulturellen Wandels (der sich vor allem als
Grenzüberschreitung manifestiert - Hi/Low, aber auch das Bootleg vs. Broadcast-Prinzip).
Die Redefinition von Massenkultur bedeutet im Anschluß daran definitiv nicht mehr nur die
Krise, sondern den Untergang des bürgerlichen Modells kultureller Vermittlung. Von daher
rührt auch die Unversöhnlichkeit einer Kulturkritik, die dies nicht wahrhaben
will.
Die quasi-aristokratische Kunstvorstellung unterscheidet künstlich (und d.h. mit der
Absicht sozialer Distinktion) zwischen purem Vergnügen des Konsums und distinguierter
Befriedigung des Kunstgenusses - ein Genuß, der nur durch eine bestimmte
Bildungssozialisation gewährleistet werden kann. Elaborierte Kunst ist für die
Gebildeten, Subkunst für alle Ungebildeten. Es sind die Distributionsmechanismen in der
kulturellen Reproduktion von Gesellschaft, die solche Unterscheidungen nicht mehr gelten
lassen, schon allein deshalb, weil die Massenkultur Apparaturen der Replik, entgegen der
düsteren Diagnose der philosophischen Kritik der Kulturindustrie, doch entfaltet
hat.
Die Massenkultur" bedeutet primär keine Ausweitung der Kultur auf die Massen,
sondern eine Krise des bürgerlichen Kulturmodells. Die kulturelle Kommunikation wandelt
ihr Gesicht: die Medien können aber nicht einfach als Ursache, sondern sie müssen
mindestens ebensosehr als Ausdruck der Veränderung gesehen werden. Medien sind
schließlich nichts der Gesellschaft Äußerliches, kein von außen aufgezwungenes
Produkt, sondern Teil dieser Gesellschaft (ihrer Kulturproduktion) selbst. Rückblickend
auf verschiedene Formen der Kritik der Massenkultur, schreibt Umberto Eco in den sechziger
Jahren, in jener Kritik "rumort das Heimweh nach einer Epoche, in der die Werte der
Kultur das Erbteil und der Besitz einer einzelnen Klasse waren und noch nicht jedermann
offenstanden."
Die Intellektuellen sind anfällig für diese Art von Heimweh gerade deshalb, weil sie die
eigentlichen Mediatoren sein wollen und schon deshalb mit den Medien, sofern diese nicht
als Werkzeug funktionalisierbar sind, nichts anfangen können (Megaphonmodell). Es ist
aber kein Zufall, daß gerade seit den 60ern immer stärker das Theorem vertreten wurde,
daß der Autor nicht souveräner Herrscher über Ausdruck und Bedeutung seiner Texte ist
und daß es eine Semiotik der textuellen Mitarbeit auf Rezipientenseite gibt (vgl. das
Konzept einer semiotischen Guerilla bei Eco, oder heute die Kommunikationsguerilla der
Gruppe a.f.r.i.k.a.). Verarbeitet wurde diese
Position noch nicht wesentlich. Das drückt sich vor allem in der Hilflosigkeit eines
'kritischen' Diskurses aus, der nicht besseres vorzuweisen hat als die endlos wiederholte
Warnung vor den Machenschaften einer Kulturindustrie und der damit verbundenen
Kommerzialisierung (zuletzt des Internet - als wäre die Mediengeschichte, angefangen mit
Gutenberg, nicht voller Innovationsschübe, die allein dem Kommerzialisierungsgedanken
entstammen). Die Herrschaft der Entrüstungspessimisten (nach Norbert Bolz,
Nietzsche zitierend) findet vor allem in den etablierten Medien statt.
Nähern wir, die Zeitgenossen der neunziger Jahre,
uns auf diesen beiden Pfeilern einer 'modernen Ästhetik' (30er Jahre) einerseits, des
'gegenkulturellen Diskurses' (60er Jahre) andererseits jetzt einer neue Positionierung
nicht restringierter Intellektualität? Der Film hat der Dichtung die Anschaulichkeit
gestohlen; Eisenstein nahm ja die Leistung für den Film in Anspruch: die Herstellung
eines kulturellen Metatextes. Filmbilder sind es, die unsere Bilder im Kopf bestimmen. Das
Ideogramm vs. das Alphabet. Die Montage der Bilder erzeugt einen ganzen Organismus, es ist
eine Methode, die sichtbar macht, was sonst nicht zu sehen wäre, die Freisetzung von
Vorstellungskraft. Das Ideogramm fungiert als methodisches Leitbild für die Medientheorie
McLuhans, der Entwicklung einer neuen medialen Semantik. Was aber wäre die erweiterte
Semantik des Cyberspace?
Wir bemerken, daß die neuen Medien aus einer
spezifischen Resonanz der alten Medien bestehen (Der Film als der bessere Text -
Eisenstein wollte bekanntlich Das Kapital verfilmen). Nach wie vor folgt die kulturelle
Semantik der Idee des absoluten Buchs und der Traum von der enzyklopädischen
Megabibliothek - auch das Netz tritt uns bezeichnenderweise wie eine gigantische, etwas
labyrinthische Bibliothek entgegen. Das eine Buch, das alles Wissen inventarisieren soll
und damit Lesbarkeit - eben noch vor aller Simulation - als Metapher für
Erfahrung setzt (Hans Blumenberg).
Schaffen Computer neue Repräsentationen für unser
Denken? Es steht zu bezweifeln, denn das liegt, wie behauptet nicht an den Apparaten
allein. Die Nutzung eines Mediums zur Repräsentation des menschlichen Denkens ist ein
kulturelles Problem, ebenso die Frage, ob die kulturtechnische Modellierung von
Rationalität zu einem phänomenologischen Ganzen anstatt nur rechnerischer Anteile davon
möglich sei. (vgl. Lev Manovich über multimediales Schreiben)
Docuverse
Ein Reality Check der Netzwirklichkeit bestätigt
diese Beobachtungen: Bislang taucht das gesellschaftliche Wissen vor allem in
verschrifteter Form auf, daran hat auch das Internet nicht viel geändert. Texte auf
Papier, also Zeitungen, Zeitschriften und Bücher erzielen immer noch ungeheure
Reichweiten und bleiben kulturtechnisch leichter handhabbar als elektronische Medien.
Allerdings ist die Rezeption an Bedingungen gebunden - vor allem an die Alphabetisierung
als kulturellen Wert, deshalb unterhalten wir ein kompliziertes Bildungssystem, das im
wesentlichen auf die Rezeption und Produktion von Texten aufgebaut ist. Die
Rahmenbedingungen werden transzendiert, aber Texte und Papier gehören (noch) zusammen.
Die Rechtsverbindlichkeit, die Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und im weiteren das
gesellschaftliche Wahrheitskonzept sind in ungeheurem Maß an den Datenträger Papier
gebunden: Verträge unterschreiben als ritualisierter Akt, Orgien in Tinte und Papier
kennzeichnen auch weiterhin die Bürokratie, die auf definitive Arrangements in Raum und
Zeit angewiesen ist. Gedrucktes und auf dem Datenträger Papier Festgehaltene rückt erst
langsam aus dem Zentrum der kulturellen Diskursorganisation. Es wird noch etwas dauern,
bis ein 'DigiCash'-System den Überweisungsbeleg und der 'Public Key'-Algorithmus die
rechtsverbindliche Unterschrift ersetzen.
Obwohl die semiotischen Auflösung der klassischen
Trias von Sprache, Text und Bild zugunsten transversaler Verflechtungsverhältnisse
begonnen hat (Wolfgang Welsch), hat sich das erste, implizite Versprechen einer Netzkultur
nicht erfüllt - es gibt kein multimediales Schreiben, das über die bestehende Textkultur
hinausweisen würde. Hier waren wohl die Erwartungen zu hoch gesteckt. Das Versprechen
einer unendliche Verknüpfbarkeit von Texten, Bildern und (zunehmend auch) Tönen und
weiters - wieder einmal - eine Annäherung von Wissenschaft und Kunst, ist eine
programmierte Enttäuschung. Es erhöht sich vorerst nur die Zirkulationsgeschwindigkeit
von Texten. Autoren werden in eine elektronische Hyperaktivität gezwungen.
Schon McLuhan hat diagnostiziert, daß der Inhalt
eines neuen Mediums immer ein älteres Medium ist. Das gilt für die Computernetze, in die
sich ein Großteil der Textproduktion verlagert hat. Ein zentrales Problem von Web-Design
ist demnach die Lesbarkeit von Texten. Nach vielen teils anstrengenden, teils
enttäuschenden Experimenten präsentieren sich auch Hypertexte wie die guten alten
Buchtexte, vorzugsweise in einer Serifenschrift (Times etc.) und mit einem Layout, das den
des Drucks imitiert (obwohl die Limitation des Mediums Papier nicht gegeben ist). Die
Verschachtelung von neu und alt gilt auch für die Infrastruktur, denn die Infrastruktur
der digitalen Medien baut auf die bestehenden analogen und teils erstaunlich simplen
infrastrukturellen Voraussetzungen auf (Telefonnetz, Kupferkabel) Die Vorherrschaft der
Texte gründet auch darin, daß das Internet stark vom akademischen Kontext geprägt ist,
bis hin zum kommunikativen Verhaltenskodex. Mit dem Ende der Finanzierung der
Backbonestruktur durch die amerikanische National Science Foundation endet 1995 die Ära
der unbegrenzten Freiheit - Das akademische Netz wird einer globalen Vermarktungsstrategie
unterworfen, AOL bringt die Massen Online. In einem zweiten Schritt reagieren die
herkömmlichen Medienmacher auf die neuen Publikumsmassen, und die großen Verlagshäuser
bemächtigen sich der neuen Marktsegmente, was freilich zur Folge hat, daß die Strukturen
alter Medien (Push-Media) auf das Netz übertragen werden.
Das gefährdet freilich die "temporären
autonomen Zonen", die sich im Netz manifestieren; Man jammert über die Mechanismen
des Marktes, die in die geheiligten Gefilde einziehen, und vergißt dabei, daß der
Aufschwung des Netzes eine indirekte staatliche Regulierung und auch Finanzierung zur
Grundlage hatte: das amerikanische Defense Dept. und die staatliche Wirtschaftsplanung im
Rahmen der NII (AL Gore).
Netzkritik
In Europa folgt der kurze, heiße Sommer der
Netzkritik. Das Netz verspricht nicht allein eine transformierte Publizität, sondern
damit auch eine neue, die Bedingungen ihrer Möglichkeit transformierenden
Intellektualität. Wir kommen damit zu einem Versprechen der frühen
Computernetzwerkentwicklung zurück, als man sich über die soziale Bedeutung der
Online-Aktivitäten Gedanken gemacht hat. Einer der ersten, die den Computer als Medium
begriffen, war der DARPA-Forschungsleiter Licklider.
Dieser hatte in den sechzigern Kommunikation weiter gefaßt als die Tätigkeit des
Sendens, Speicherns und Empfangens von Informationen. Auch wird klar unterschieden
zwischen einem allgemein zugänglichen zentralen Werkzeug (general purpose, multi-access
machine) und der Community, die Gebrauch von einem kooperativen Modell der Kommunikation
macht (connected groups). Licklider hat sehr genau gesehen, daß sich aus Netzwerken
wiederum Netzwerke bilden würden, und zwar von sehr labiler Natur, da sie veränderlichen
Inhalten entsprechen und auch veränderliche Konfigurationen eingehen. Die durch
gemeinsame Interessen statt gemeinsame Orte verbundenen Online-Communities entwickeln sich
letztlich zu einer abstrakten Overall Community, deren "infinite crescendo of
on-line interactive debugging" in etwa das darstellt, was wir heute als das Web
kennen. Der Numbercruncher, die allmächtige Rechenmaschine wurde hier jedenfalls über
einen (anfangs nebensächlichen) Zusatzeffekt zum Kommunikationsmedium umdefiniert,
während sich - als Bedingung von dessen Möglichkeit - gleichzeitig ein neuer Medienraum
der Intertwinedness etabliert hat: ein kybernetischer Raum des interactive debugging
(of ideas) oder des "collaborative textfiltering" [nettime].
Die kritische Textanalyse der Techno-Kultur im
Rahmen der Mailingliste versucht, die Idee der kooperierenden Gemeinschaft so umzusetzen,
daß das Cyber-Territorium mit den Realevents 'verlinkt' wird. Dabei geht es um eine
Vermeidung der Polarisierung zwischen Techno-Utopie und Neo-Luddism
(Maschinenstürmerei à la Baudrillard: "da ich mich gegen den Computer entschieden
habe...")
Die pathetischen Techno-Utopisten bilden Gemeinschaften jenseits der Gesellschaft; sie
wollen unsere sozialen Probleme lösen. In ihrer Überwindungsphantasie bricht die Kultur
zu einer neuen Völkerwanderung auf, um den Kampf an der Electronic Frontier anzutreten.
Das gegenkulturelle Versprechen war das einer alternativen (virtuellen) Welt, die auch
ganz jenseits der materialistischen Aspekte einer Nachkriegsgeneration angesiedelt war.
Elektronische Gemeinschaften jenseits aller gesellschaftlichen Zwänge wurden in Aussicht
gestellt, ein sektenhafter Eskapismus war das Resultat. Die Netzkultur definiert sich als
Jenseits der Industriegesellschaft, und mit der Autarkie im Cyberspace wird eine Situation
beschworen, die von Nietzsche als christliche Sklavenmoral verhöhnt worden ist: "Wir
müssen unser virtuelles Selbst Eurer Souveränität gegenüber als immun erklären,
selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln unterliegen." (J.P. Barlow's
Unabhängigkeitserklärung)!
Die Wired Culture folgt dem amerikanischen
Neoliberalismus, der den befreienden Akt der Hippie-Bewegung mit E-Commerce, dem Geruch
des schnelle Geldes in New-Business-Bereichen verknüpft. Die Zeitschrift WIRED aus San
Francisco, die sogenannte "Prawda" des Netzes (ZKP4), repräsentiert diese als
kalifornische Ideologie entmythologisierte Haltung des Info-Kapitalismus einer digitalen
Wertschöpfung, die in Europa nicht so recht Fuß fassen wollte - die Publikationsprojekte
jedenfalls sind gescheitert.
Der Enthusiasmus über die geschäftlich lukrative
Entwicklung der Netzkultur traf in Europa wenn nicht auf Ablehnung, so doch auf verhaltene
Skepsis. Vor allem in der Auseinandersetzung mit der kalifornischen Ideologie formierte
sich die Mailingliste als Medium der Netzkritik - gegen die "Zivilisation des
Geistes", die der Netz-Esoteriker Barlow ins Leben rufen wollte, bildet den
anarchischen Protest des prallen Lebens gegen das bedingungslose Desire to be wired;
gegen die pseudo-patriotischen Gründungsakte alter Männer (Barlow, aber auch Toffler)
wurde ein Aktionismus ins Leben gerufen, der eher an die frühen Situationisten gemahnt:
"man muß sich, jenseits der Techniken der Repräsentation, neue Formen der
Netzkampagnen ausdenken." Nettime bezeichnet es als einen akademischen Mythos, daß
Kritik am Internet nur aus dem Pathos der akademischen Distanz möglich wäre.
"Es geht nicht darum, eine radikale Kritik
zu formulieren, der unbedingt zuzustimmen wäre, sondern Virtualitätsfelder zu erzeugen,
die Handlungsmöglichkeiten eröffnen, Orientierungen und Argumente, wo üblicherweise
Ohnmacht und Kritiklosigkeit herrschen." Dem 'digitalen Dekonstruktivismus' geht
es "statt der Exegese von Texten um Umleiten und Verschalten von Datenströmen,
statt Interpretation geht es um Rekombination, statt Repräsentation geht es um
Kontextualisierung, statt Differenzierung geht es um Vernetzung."
Begleitet von Low-Tech Ästhetik und einer gewissen
protestantischen Askesehaltung gegenüber den Auswüchsen der MS-Culture, errichtete ein
Online-Museum der temporären Autonomien. Danach wurden andere Stimmen laut. Auf den
kurzen Sommer der Netzkritik folgte der amerikanische Pragmatismus von Technorealism (ein
Manifest amerikanischer Publizisten vom März 1998, das trotz allseitig hämischer Kritik
- technoblatherism - inzwischen 1350 Unterzeichner gefunden hat). Laut
Eigenbeschreibung eine "Kampagne zu rationalem Denken über Technologie und ihre
Rolle in der Gesellschaft". Die Regierung steht als Regulator ein für kommerzielle
Kräfte; für die Erhaltung der zivilen Räume im Internet. Die Technikkritik im Geiste
des Common Sense hat zur Essenz, daß neue Technologie nicht unsere sozialen Probleme
lösen wird. Sie liest sich wie eine Liebeserklärung an MS-Culture als die beste aller
möglichen Welten, und stellt eine integrierte Light-Version intellektuellen Anspruchs
dar. Die Netzkultur erbt darin, daß sie das ganz Andere will, nachdem es mit der
Weltveränderung durch marxistische, aber auch durch feministische Systemkritik nicht so
recht hat klappen wollen, die Ansprüche, die vormals an das revolutionäre Subjekt der
Geschichte herangetragen worden sind. Die Vernetzungspraxis schafft Voraussetzungen, die
zweifellos die Kultur verändern, aber indem die gesellschaftlichen Funktionssysteme
insgesamt sich ändern (Modelle der Selbststeuerung, Ende des Phantasmas der Moderne von
der zentralen Steuerung, des sozialistischen Modells der gleichgeschalteten Lebenswelt -
'Linearität').
Die Vorherrschaft von Information bedeutet
die Neukonzeption von Kulturprodukten. Sind die Aufgaben im Wissens- und
Informationsdesign überhaupt noch in Kategorien der Aufklärung darstellbar? Meine
Hypothese ist: es kommt zu einer technisch induzierten Konvergenz von Bedeutungsebenen, im
Sinne einer Renaissance-Ästhetik vielleicht, wahrscheinlich aber im Sinne jener
Interdependenzen, von denen bereits McLuhan gesprochen hat, und zum wiederholten Protest
gegen die Techno-Gnosis zugunsten neuer Unmittelbarkeiten (dem Pathos des
Außermedialen).
Wer sich in diesen Fragen engagiert, muß sich wohl oder übel mit der Frage einer
möglichen Fortsetzung von Aufklärung herumschlagen. Oder mit individueller
"Mündigkeit" hinsichtlich der Ohnmacht vor den programmierten Apparaten. Der
Cyberspace ist ein sozialer Zusatzraum, der durch Rückkopplungsprozesse entseht und nur
so erhalten wird und beobachtbar ist (Manfred Faßler). Diese Rückkopplungen sind nicht
zielgerichtet und erzeugen einen in alle Richtungen offenen Raum. Die Faszination für
diese Kybernetik des Gesellschaftlichen gründet auch in der Anerkennung nicht
intentionaler Bedeutungswelten. Mir scheint sich im Projekt der Informationsgesellschaft
aber auch eine 'überwältigende' sakrale Ästhetik anzubahnen, die an die überwunden
geglaubte Ästhetik der Kathedralen erinnert - Kathedralen der Kommunikation, an denen wir
über Generationen hinweg zu bauen haben.
Wie aber gehen wir dann mit den Anmaßungen des
Subjektiven (Bewußtsein etc.) um, die sich partout nicht wegdekonstruktuali- sieren
lassen? Was bewirkt das humanistische Re-Entry? Schon beginnt die Phase der
Re-Ontologisierung (Hartmut Winkler) einer allzu salopp vorgenommenen Simulation des
Körperlichen. Fraglich an diesen Konzepten insgesamt ist ja die Verbindung zum sozialen
Verhalten außerhalb des Netzes. In der Medientheorie wird die Rolle des Aufklärers
aufgehoben; sie manifestiert sich in jenen Grenzgängern, die sich als Web-Stalkers an den
ästhetischen Bruchlinien vorarbeiten, die bei der Hybridisierung parallel existierender
Medien entstehen.
Das Netz ist an sich kein Ort der Existenz, sondern
ein Potential der Reorganisation von kultureller Reproduktion, d.h. durch neue Formen der
Erzeugung und der Distribution von Wissen. Das ist gemeint, wenn vom Aufbruch des
epistemischen Raums der Gutenberg-Galaxis die Rede ist. Nicht die Verbindung von Theorie
und Praxis, sondern eine neue Praxis der trans- formierten "Publizität" (Kant),
die von der Mediengeneration n+1 geleistet werden wird. Wo mancherorten praktischer
Pessimismus angesagt ist, gerade auch bei Streifzügen durch das Netz, da sei wenigstens
dieser theoretische Optimismus erlaubt. Die Prognosen aber überlassen wir getrost den
Astrologen.
© Frank Hartmann 1998
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