Frank Hartmann: Online-Texte

 

  ~net.culture  

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe
"Cultural Extensions - Streifzüge durch die Kultur"
Zukunftswerkstätte Wien, 8. Juni 1998


    Daß es das Internet gibt, hat sich inzwischen wohl herumgesprochen. Jetzt wird nach Sinngebung verlangt, und begierig lauscht man jenen Scouts, die uns von ihren "Streifzügen durch die Netzkultur" (so der Untertitel von Florian Rötzers neuem Buch 'Digitale Weltentwürfe') berichten - in Büchern und Zeitschriften. Am Anfang steht das große Versprechen. Das "Ganz Andere", eine Vision kritischer Sozialphilosophen unseres Jahrhunderts, ist endlich da (zumindest wenn man Barlow oder Negroponte glaubt. Ihr Diskurs lebt vom visionären Überwindungspathos und provoziert die Kritik). Man kann das auch soziologisch nüchtern sehen: "Der Gebrauch von elektronischen Mediensystemen führt zu veränderten Weltvorstellungen und Wahrnehmungen und zu neuen Möglicheiten entwerfenden Denkens in Wissenschaft, Kunst, Technologie." (Manfred Faßler: Medien-Welten) 

    Gibt es eine Kulturanthropologie des Netzes? Was sind hier die Aufgaben einer Medientheorie? Es gilt zu zeigen, wie Medien und Denkstile sich wechselseitig beeinflussen. Aufgabe der Medientheorie ist es, diese Verflechtungen zu durchleuchten, in einer Archäologie der kulturellen Codes als den Bedingungen der Möglichkeit von programmierten Medien-Welten. Hinter den User-Interfaces die Source-Codes zu öffnen, hinter den Source-Codes die Betriebssysteme und die Materialitäten von Kommunikation als Bedingungen einer Gebrauchskultur des Netzes (als eine neue Media Literacy) zu veranschaulichen. 

    Was ist neu an den kommunikativen Verhältnissen? Es scheint, wie wenn derzeit die Nervenenden unserer Gesellschaft freigelegt wären. Nach der Herrschaft der Mechanisierung sorgt das Computing für eine vollkommen veränderte symbolische Landschaft. Diese Gegenläufigkeit ist das Entscheidende, das es zu begreifen gilt. Das Internet ist dabei als eine Epistemologie zu fassen, und nicht ontologisch - als Hardware. Der 'Kulturbruch' spielt sich unter der Oberfläche ab, und ist daher ontologisch schwer zu fassen. Die Phänomenologen, allen voran Vilém Flusser, entziffern diesen Bruch als fundamentalen, als menschheitsgeschichtliche Epochenschwelle. Dazu einige Indizien. 

    - Neue Epistemologie. Alle Mühe der Auseinandersetzung in Subjekt-Objekt-Verhältnissen scheint hier überwunden, der geschichtsphilosophische Ballast einer von der industriellen Revolution geprägten Geisteskultur wird abgeworfen. 
    - Vom Subjekt zum Projekt. Das Subjekt tritt von sich selbst zurück: diese Zukunftsperspektive einer negativen Anthropologie hat zunächst für sich, daß sie ausbricht aus der Logik des Zerfalls, der die Kulturphilosophie von Schopenhauer bis Baudrillard anhängt. Ihr weiterer Vorteil besteht aber darin, daß sie Kommunikationstheorie ist, das heißt nicht die theoretische philosophische Sicht pflegt, sondern im Übergang von einer Kritik der Mechanisierung zur Erforschung der elektronischen Umwelt die Immersion, da die Haltung des distanzierten Beobachters eine problematische geworden ist. 
    - Ende der Dialektik. In der Praxis der neuen Kommunikationsverhältnisse sind spezifische Dualismen wie Subjekt und Objekt, Bild und Ding, Fiktion und Realität nicht mehr operabel. Das 'Wir' ist nicht mehr als Gruppierung von Individuen zu verstehen, die sich an der Welt abarbeiten, sondern als Knotenpunkt im vernetzten Dialog. Wir leben nicht mehr in einer Lebenswelt, sondern in einem Pluralismus von Medien-Welten. 

    Die neue Epistemologie ist keine der Imagination, sondern der projektiven Einstellung. Ihre Bilder sind kalkuliert, und ihre Wirkung ist informierend / formgebend. An die Stelle einer Magie des Abbilds, das alle darstellenden Künste beherrscht, tritt die Einbildung, die konkretisierende Projektion des Virtuellen im alten philosophischen Sinn des Wortes, der eine innere Kraft oder Möglichkeit bedeutet. Diese Vorstellung läßt die Entfremdung bewußt hinter sich zurück, die zwischen Subjekt und Objekt herrscht, zwischen dem Mensch und seinen Apparaten. Die Verheißungen der Dialektik haben ausgedient. Die Zukunft des Techno-Imaginären hat dennoch keine scharfen Konturen, die Source-Codes sind wesentlich offen. Diese Vorstellung kollidiert selbstverständlich mit den Metaphern einer Kultur, die sich als Derivat von ethisch-humanistischen Idealen versteht: die ideale Abbildung, die perfekte Abstraktion, Repräsentationen des Geistes in der Kunst - Ideale deshalb, weil sie sich vom gelebten Leben radikal unterschieden und am Vermittlungsproblem von Theorie und Praxis (resp. Kunst und Leben) hoffnungslos scheitern; und ethisch, weil sie eine Vorgabe für 'richtiges Leben' suggerieren. Daran ändern die neuen Medien nichts, und das ist das große Mißverständnis. Der Kulturbruch ist nicht ein solcher des Apparats, sondern einer Apparatur, d.h. des Verhältnisses von Menschen und Medien, und den "veränderten Apperzeptionsbedingungen der Moderne" (Walter Benjamin). 

    Neue Konstellationen (30-60-90) 

    Wenn wir von einem Kulturbruch sprechen, dann ist daran zu erinnern, daß die unterschiedliche historische Praxis von Kulturen - das magische Abbilden, die Festschreibungen der Druckkultur, das Codieren der Codes in der digitalen Kultur - jeweils auch einer veränderten gesellschaftlichen Bedarfslage entspricht. Medien sind bedeutsam in ihrer Funktion für die gesellschaftliche Reproduktion: während des Industrialisierungsprozesse als Simulation der menschlichen Muskeln, als prothetische Ausweitungen unserer selbst in der Objektwelt - "the extensions of man"; lange vor einer Transformation der Kommunikationsverhältnisse ändern sie als Arbeitswerkzeuge die Relation von Mensch und Welt. Die Medien dürfen aber nicht länger als bloße Werkzeuge verstanden werden, über deren Verwendung wir souverän verfügen. In der postindustriellen Phase ändern sie als 'Simulation des Nervensystems' die Grundbefindlichkeit des Menschen selbst, sie sind keine Ausweitungen unserer selbst mehr, keine Prothesen, sondern das Mediensystem ersetzt jetzt die philosophischen Konzepte einer transzendentalen Subjektivität. In der Virtualität der Medien wird nicht zufällig die Phantasie einer kollektiven Intelligenz freigesetzt. Die zentrale These dabei ist die, daß Medien die Bedingung der Möglichkeit von Kultur (Bewußtsein, Geist...) sind. Medien übersetzen Erfahrungen, sie sind nicht nur jenseits von Inhalten, sondern auch jenseits von Ursache-Wirkungsverhältnissen zu begreifen, in denen die Apparate als Verursacher einer neuen Mediensituation gesetzt werden (vgl. z.B. Baudrillard mit seinem Konzept einer 'Extase der Kommunikation'). 

    Woran sollen wir aber erkennen, ob etwa das große Versprechen einer neuen, anderen Kultur eingelöst wird? 

    Kulturelle Reorientierungen erfolgten meist zu Zeiten sozialer Spannungen und unsicherer Zukunftsperspektiven, weil die sozialen Gewohnheiten aufbrechen, in denen man sich eingerichtet hatte. Das war in unserem Jahrhundert schon mehrfach der Fall. Erinnert sei an die dreißiger Jahre, auch eine Zeit neuer Kontextualisierungen. Das Montageprinzip wurde mehrfach aufgegriffen, als geisteswissenschaftliche Methode bei Walter Benjamin, in der bildenden Kunst, vor allem in dem noch jungen Medium Film. Es wurde weiters die Bildsprache (wieder)entdeckt - Otto Neurath hatte sein Konzept der International Picture Language entwickelt und als eine neue Diskursform, als soziale Innovation implementiert. Sergeij Eisenstein reagierte mit dem Montageprinzip seiner Filme u.a. auf Untersuchungen zu Bildsprachenschriften der asiatischen Kulturen, ebenso wie die Dichtung sich über die Drucktechnik Gedanken machte und ihre Schrift 'verbildlichte', d.h. in die Bedeutungskonstruktion mit einbezog. Die Besinnung auf die bildliche Gestalt der Worte versprach neue sinnliche Erfahrbarkeit (der heute vergessene Dichter Stefan George hatte beispielsweise seine eigene Drucktype entwickelt). 

    In den sechziger Jahren werden die neuen Konstellationen dann als soziale Bewegung manifest. Woodstock einerseits, Vietnam andererseits führten als Realereignisse zu einer Redefinition der medialen Kultur und verdichteten sich dadurch zu Metaphern kulturellen Wandels (der sich vor allem als Grenzüberschreitung manifestiert - Hi/Low, aber auch das Bootleg vs. Broadcast-Prinzip). Die Redefinition von Massenkultur bedeutet im Anschluß daran definitiv nicht mehr nur die Krise, sondern den Untergang des bürgerlichen Modells kultureller Vermittlung. Von daher rührt auch die Unversöhnlichkeit einer Kulturkritik, die dies nicht wahrhaben will. 
    Die quasi-aristokratische Kunstvorstellung unterscheidet künstlich (und d.h. mit der Absicht sozialer Distinktion) zwischen purem Vergnügen des Konsums und distinguierter Befriedigung des Kunstgenusses - ein Genuß, der nur durch eine bestimmte Bildungssozialisation gewährleistet werden kann. Elaborierte Kunst ist für die Gebildeten, Subkunst für alle Ungebildeten. Es sind die Distributionsmechanismen in der kulturellen Reproduktion von Gesellschaft, die solche Unterscheidungen nicht mehr gelten lassen, schon allein deshalb, weil die Massenkultur Apparaturen der Replik, entgegen der düsteren Diagnose der philosophischen Kritik der Kulturindustrie, doch entfaltet hat. 
    Die „Massenkultur" bedeutet primär keine Ausweitung der Kultur auf die Massen, sondern eine Krise des bürgerlichen Kulturmodells. Die kulturelle Kommunikation wandelt ihr Gesicht: die Medien können aber nicht einfach als Ursache, sondern sie müssen mindestens ebensosehr als Ausdruck der Veränderung gesehen werden. Medien sind schließlich nichts der Gesellschaft Äußerliches, kein von außen aufgezwungenes Produkt, sondern Teil dieser Gesellschaft (ihrer Kulturproduktion) selbst. Rückblickend auf verschiedene Formen der Kritik der Massenkultur, schreibt Umberto Eco in den sechziger Jahren, in jener Kritik "rumort das Heimweh nach einer Epoche, in der die Werte der Kultur das Erbteil und der Besitz einer einzelnen Klasse waren und noch nicht jedermann offenstanden." 
    Die Intellektuellen sind anfällig für diese Art von Heimweh gerade deshalb, weil sie die eigentlichen Mediatoren sein wollen und schon deshalb mit den Medien, sofern diese nicht als Werkzeug funktionalisierbar sind, nichts anfangen können (Megaphonmodell). Es ist aber kein Zufall, daß gerade seit den 60ern immer stärker das Theorem vertreten wurde, daß der Autor nicht souveräner Herrscher über Ausdruck und Bedeutung seiner Texte ist und daß es eine Semiotik der textuellen Mitarbeit auf Rezipientenseite gibt (vgl. das Konzept einer semiotischen Guerilla bei Eco, oder heute die Kommunikationsguerilla der Gruppe a.f.r.i.k.a.). Verarbeitet wurde diese Position noch nicht wesentlich. Das drückt sich vor allem in der Hilflosigkeit eines 'kritischen' Diskurses aus, der nicht besseres vorzuweisen hat als die endlos wiederholte Warnung vor den Machenschaften einer Kulturindustrie und der damit verbundenen Kommerzialisierung (zuletzt des Internet - als wäre die Mediengeschichte, angefangen mit Gutenberg, nicht voller Innovationsschübe, die allein dem Kommerzialisierungsgedanken entstammen). Die Herrschaft der Entrüstungspessimisten (nach Norbert Bolz, Nietzsche zitierend) findet vor allem in den etablierten Medien statt.

    Nähern wir, die Zeitgenossen der neunziger Jahre, uns auf diesen beiden Pfeilern einer 'modernen Ästhetik' (30er Jahre) einerseits, des 'gegenkulturellen Diskurses' (60er Jahre) andererseits jetzt einer neue Positionierung nicht restringierter Intellektualität? Der Film hat der Dichtung die Anschaulichkeit gestohlen; Eisenstein nahm ja die Leistung für den Film in Anspruch: die Herstellung eines kulturellen Metatextes. Filmbilder sind es, die unsere Bilder im Kopf bestimmen. Das Ideogramm vs. das Alphabet. Die Montage der Bilder erzeugt einen ganzen Organismus, es ist eine Methode, die sichtbar macht, was sonst nicht zu sehen wäre, die Freisetzung von Vorstellungskraft. Das Ideogramm fungiert als methodisches Leitbild für die Medientheorie McLuhans, der Entwicklung einer neuen medialen Semantik. Was aber wäre die erweiterte Semantik des Cyberspace? 

    Wir bemerken, daß die neuen Medien aus einer spezifischen Resonanz der alten Medien bestehen (Der Film als der bessere Text - Eisenstein wollte bekanntlich Das Kapital verfilmen). Nach wie vor folgt die kulturelle Semantik der Idee des absoluten Buchs und der Traum von der enzyklopädischen Megabibliothek - auch das Netz tritt uns bezeichnenderweise wie eine gigantische, etwas labyrinthische Bibliothek entgegen. Das eine Buch, das alles Wissen inventarisieren soll und damit Lesbarkeit - eben noch vor aller Simulation - als Metapher für Erfahrung setzt (Hans Blumenberg).

    Schaffen Computer neue Repräsentationen für unser Denken? Es steht zu bezweifeln, denn das liegt, wie behauptet nicht an den Apparaten allein. Die Nutzung eines Mediums zur Repräsentation des menschlichen Denkens ist ein kulturelles Problem, ebenso die Frage, ob die kulturtechnische Modellierung von Rationalität zu einem phänomenologischen Ganzen anstatt nur rechnerischer Anteile davon möglich sei. (vgl. Lev Manovich über multimediales Schreiben) 

    Docuverse 

    Ein Reality Check der Netzwirklichkeit bestätigt diese Beobachtungen: Bislang taucht das gesellschaftliche Wissen vor allem in verschrifteter Form auf, daran hat auch das Internet nicht viel geändert. Texte auf Papier, also Zeitungen, Zeitschriften und Bücher erzielen immer noch ungeheure Reichweiten und bleiben kulturtechnisch leichter handhabbar als elektronische Medien. Allerdings ist die Rezeption an Bedingungen gebunden - vor allem an die Alphabetisierung als kulturellen Wert, deshalb unterhalten wir ein kompliziertes Bildungssystem, das im wesentlichen auf die Rezeption und Produktion von Texten aufgebaut ist. Die Rahmenbedingungen werden transzendiert, aber Texte und Papier gehören (noch) zusammen. Die Rechtsverbindlichkeit, die Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und im weiteren das gesellschaftliche Wahrheitskonzept sind in ungeheurem Maß an den Datenträger Papier gebunden: Verträge unterschreiben als ritualisierter Akt, Orgien in Tinte und Papier kennzeichnen auch weiterhin die Bürokratie, die auf definitive Arrangements in Raum und Zeit angewiesen ist. Gedrucktes und auf dem Datenträger Papier Festgehaltene rückt erst langsam aus dem Zentrum der kulturellen Diskursorganisation. Es wird noch etwas dauern, bis ein 'DigiCash'-System den Überweisungsbeleg und der 'Public Key'-Algorithmus die rechtsverbindliche Unterschrift ersetzen. 

    Obwohl die semiotischen Auflösung der klassischen Trias von Sprache, Text und Bild zugunsten transversaler Verflechtungsverhältnisse begonnen hat (Wolfgang Welsch), hat sich das erste, implizite Versprechen einer Netzkultur nicht erfüllt - es gibt kein multimediales Schreiben, das über die bestehende Textkultur hinausweisen würde. Hier waren wohl die Erwartungen zu hoch gesteckt. Das Versprechen einer unendliche Verknüpfbarkeit von Texten, Bildern und (zunehmend auch) Tönen und weiters - wieder einmal - eine Annäherung von Wissenschaft und Kunst, ist eine programmierte Enttäuschung. Es erhöht sich vorerst nur die Zirkulationsgeschwindigkeit von Texten. Autoren werden in eine elektronische Hyperaktivität gezwungen. 

    Schon McLuhan hat diagnostiziert, daß der Inhalt eines neuen Mediums immer ein älteres Medium ist. Das gilt für die Computernetze, in die sich ein Großteil der Textproduktion verlagert hat. Ein zentrales Problem von Web-Design ist demnach die Lesbarkeit von Texten. Nach vielen teils anstrengenden, teils enttäuschenden Experimenten präsentieren sich auch Hypertexte wie die guten alten Buchtexte, vorzugsweise in einer Serifenschrift (Times etc.) und mit einem Layout, das den des Drucks imitiert (obwohl die Limitation des Mediums Papier nicht gegeben ist). Die Verschachtelung von neu und alt gilt auch für die Infrastruktur, denn die Infrastruktur der digitalen Medien baut auf die bestehenden analogen und teils erstaunlich simplen infrastrukturellen Voraussetzungen auf (Telefonnetz, Kupferkabel) Die Vorherrschaft der Texte gründet auch darin, daß das Internet stark vom akademischen Kontext geprägt ist, bis hin zum kommunikativen Verhaltenskodex. Mit dem Ende der Finanzierung der Backbonestruktur durch die amerikanische National Science Foundation endet 1995 die Ära der unbegrenzten Freiheit - Das akademische Netz wird einer globalen Vermarktungsstrategie unterworfen, AOL bringt die Massen Online. In einem zweiten Schritt reagieren die herkömmlichen Medienmacher auf die neuen Publikumsmassen, und die großen Verlagshäuser bemächtigen sich der neuen Marktsegmente, was freilich zur Folge hat, daß die Strukturen alter Medien (Push-Media) auf das Netz übertragen werden. 

    Das gefährdet freilich die "temporären autonomen Zonen", die sich im Netz manifestieren; Man jammert über die Mechanismen des Marktes, die in die geheiligten Gefilde einziehen, und vergißt dabei, daß der Aufschwung des Netzes eine indirekte staatliche Regulierung und auch Finanzierung zur Grundlage hatte: das amerikanische Defense Dept. und die staatliche Wirtschaftsplanung im Rahmen der NII (AL Gore). 

    Netzkritik 

    In Europa folgt der kurze, heiße Sommer der Netzkritik. Das Netz verspricht nicht allein eine transformierte Publizität, sondern damit auch eine neue, die Bedingungen ihrer Möglichkeit transformierenden Intellektualität. Wir kommen damit zu einem Versprechen der frühen Computernetzwerkentwicklung zurück, als man sich über die soziale Bedeutung der Online-Aktivitäten Gedanken gemacht hat. Einer der ersten, die den Computer als Medium begriffen, war der DARPA-Forschungsleiter Licklider. Dieser hatte in den sechzigern Kommunikation weiter gefaßt als die Tätigkeit des Sendens, Speicherns und Empfangens von Informationen. Auch wird klar unterschieden zwischen einem allgemein zugänglichen zentralen Werkzeug (general purpose, multi-access machine) und der Community, die Gebrauch von einem kooperativen Modell der Kommunikation macht (connected groups). Licklider hat sehr genau gesehen, daß sich aus Netzwerken wiederum Netzwerke bilden würden, und zwar von sehr labiler Natur, da sie veränderlichen Inhalten entsprechen und auch veränderliche Konfigurationen eingehen. Die durch gemeinsame Interessen statt gemeinsame Orte verbundenen Online-Communities entwickeln sich letztlich zu einer abstrakten Overall Community, deren "infinite crescendo of on-line interactive debugging" in etwa das darstellt, was wir heute als das Web kennen. Der Numbercruncher, die allmächtige Rechenmaschine wurde hier jedenfalls über einen (anfangs nebensächlichen) Zusatzeffekt zum Kommunikationsmedium umdefiniert, während sich - als Bedingung von dessen Möglichkeit - gleichzeitig ein neuer Medienraum der Intertwinedness etabliert hat: ein kybernetischer Raum des interactive debugging (of ideas) oder des "collaborative textfiltering" [nettime].

    Die kritische Textanalyse der Techno-Kultur im Rahmen der Mailingliste versucht, die Idee der kooperierenden Gemeinschaft so umzusetzen, daß das Cyber-Territorium mit den Realevents 'verlinkt' wird. Dabei geht es um eine Vermeidung der Polarisierung zwischen Techno-Utopie und Neo-Luddism (Maschinenstürmerei à la Baudrillard: "da ich mich gegen den Computer entschieden habe...")
    Die pathetischen Techno-Utopisten bilden Gemeinschaften jenseits der Gesellschaft; sie wollen unsere sozialen Probleme lösen. In ihrer Überwindungsphantasie bricht die Kultur zu einer neuen Völkerwanderung auf, um den Kampf an der Electronic Frontier anzutreten. Das gegenkulturelle Versprechen war das einer alternativen (virtuellen) Welt, die auch ganz jenseits der materialistischen Aspekte einer Nachkriegsgeneration angesiedelt war. Elektronische Gemeinschaften jenseits aller gesellschaftlichen Zwänge wurden in Aussicht gestellt, ein sektenhafter Eskapismus war das Resultat. Die Netzkultur definiert sich als Jenseits der Industriegesellschaft, und mit der Autarkie im Cyberspace wird eine Situation beschworen, die von Nietzsche als christliche Sklavenmoral verhöhnt worden ist: "Wir müssen unser virtuelles Selbst Eurer Souveränität gegenüber als immun erklären, selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln unterliegen." (J.P. Barlow's Unabhängigkeitserklärung)! 

    Die Wired Culture folgt dem amerikanischen Neoliberalismus, der den befreienden Akt der Hippie-Bewegung mit E-Commerce, dem Geruch des schnelle Geldes in New-Business-Bereichen verknüpft. Die Zeitschrift WIRED aus San Francisco, die sogenannte "Prawda" des Netzes (ZKP4), repräsentiert diese als kalifornische Ideologie entmythologisierte Haltung des Info-Kapitalismus einer digitalen Wertschöpfung, die in Europa nicht so recht Fuß fassen wollte - die Publikationsprojekte jedenfalls sind gescheitert. 

    Der Enthusiasmus über die geschäftlich lukrative Entwicklung der Netzkultur traf in Europa wenn nicht auf Ablehnung, so doch auf verhaltene Skepsis. Vor allem in der Auseinandersetzung mit der kalifornischen Ideologie formierte sich die Mailingliste als Medium der Netzkritik - gegen die "Zivilisation des Geistes", die der Netz-Esoteriker Barlow ins Leben rufen wollte, bildet den anarchischen Protest des prallen Lebens gegen das bedingungslose Desire to be wired; gegen die pseudo-patriotischen Gründungsakte alter Männer (Barlow, aber auch Toffler) wurde ein Aktionismus ins Leben gerufen, der eher an die frühen Situationisten gemahnt: "man muß sich, jenseits der Techniken der Repräsentation, neue Formen der Netzkampagnen ausdenken." Nettime bezeichnet es als einen akademischen Mythos, daß Kritik am Internet nur aus dem Pathos der akademischen Distanz möglich wäre. 

    "Es geht nicht darum, eine radikale Kritik zu formulieren, der unbedingt zuzustimmen wäre, sondern Virtualitätsfelder zu erzeugen, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen, Orientierungen und Argumente, wo üblicherweise Ohnmacht und Kritiklosigkeit herrschen." Dem 'digitalen Dekonstruktivismus' geht es "statt der Exegese von Texten um Umleiten und Verschalten von Datenströmen, statt Interpretation geht es um Rekombination, statt Repräsentation geht es um Kontextualisierung, statt Differenzierung geht es um Vernetzung." 

    Begleitet von Low-Tech Ästhetik und einer gewissen protestantischen Askesehaltung gegenüber den Auswüchsen der MS-Culture, errichtete ein Online-Museum der temporären Autonomien. Danach wurden andere Stimmen laut. Auf den kurzen Sommer der Netzkritik folgte der amerikanische Pragmatismus von Technorealism (ein Manifest amerikanischer Publizisten vom März 1998, das trotz allseitig hämischer Kritik - technoblatherism - inzwischen 1350 Unterzeichner gefunden hat). Laut Eigenbeschreibung eine "Kampagne zu rationalem Denken über Technologie und ihre Rolle in der Gesellschaft". Die Regierung steht als Regulator ein für kommerzielle Kräfte; für die Erhaltung der zivilen Räume im Internet. Die Technikkritik im Geiste des Common Sense hat zur Essenz, daß neue Technologie nicht unsere sozialen Probleme lösen wird. Sie liest sich wie eine Liebeserklärung an MS-Culture als die beste aller möglichen Welten, und stellt eine integrierte Light-Version intellektuellen Anspruchs dar. Die Netzkultur erbt darin, daß sie das ganz Andere will, nachdem es mit der Weltveränderung durch marxistische, aber auch durch feministische Systemkritik nicht so recht hat klappen wollen, die Ansprüche, die vormals an das revolutionäre Subjekt der Geschichte herangetragen worden sind. Die Vernetzungspraxis schafft Voraussetzungen, die zweifellos die Kultur verändern, aber indem die gesellschaftlichen Funktionssysteme insgesamt sich ändern (Modelle der Selbststeuerung, Ende des Phantasmas der Moderne von der zentralen Steuerung, des sozialistischen Modells der gleichgeschalteten Lebenswelt - 'Linearität'). 

    Die Vorherrschaft von Information bedeutet die Neukonzeption von Kulturprodukten. Sind die Aufgaben im Wissens- und Informationsdesign überhaupt noch in Kategorien der Aufklärung darstellbar? Meine Hypothese ist: es kommt zu einer technisch induzierten Konvergenz von Bedeutungsebenen, im Sinne einer Renaissance-Ästhetik vielleicht, wahrscheinlich aber im Sinne jener Interdependenzen, von denen bereits McLuhan gesprochen hat, und zum wiederholten Protest gegen die Techno-Gnosis zugunsten neuer Unmittelbarkeiten (dem Pathos des Außermedialen). 
    Wer sich in diesen Fragen engagiert, muß sich wohl oder übel mit der Frage einer möglichen Fortsetzung von Aufklärung herumschlagen. Oder mit individueller "Mündigkeit" hinsichtlich der Ohnmacht vor den programmierten Apparaten. Der Cyberspace ist ein sozialer Zusatzraum, der durch Rückkopplungsprozesse entseht und nur so erhalten wird und beobachtbar ist (Manfred Faßler). Diese Rückkopplungen sind nicht zielgerichtet und erzeugen einen in alle Richtungen offenen Raum. Die Faszination für diese Kybernetik des Gesellschaftlichen gründet auch in der Anerkennung nicht intentionaler Bedeutungswelten. Mir scheint sich im Projekt der Informationsgesellschaft aber auch eine 'überwältigende' sakrale Ästhetik anzubahnen, die an die überwunden geglaubte Ästhetik der Kathedralen erinnert - Kathedralen der Kommunikation, an denen wir über Generationen hinweg zu bauen haben. 

    Wie aber gehen wir dann mit den Anmaßungen des Subjektiven (Bewußtsein etc.) um, die sich partout nicht wegdekonstruktuali- sieren lassen? Was bewirkt das humanistische Re-Entry? Schon beginnt die Phase der Re-Ontologisierung (Hartmut Winkler) einer allzu salopp vorgenommenen Simulation des Körperlichen. Fraglich an diesen Konzepten insgesamt ist ja die Verbindung zum sozialen Verhalten außerhalb des Netzes. In der Medientheorie wird die Rolle des Aufklärers aufgehoben; sie manifestiert sich in jenen Grenzgängern, die sich als Web-Stalkers an den ästhetischen Bruchlinien vorarbeiten, die bei der Hybridisierung parallel existierender Medien entstehen. 

    Das Netz ist an sich kein Ort der Existenz, sondern ein Potential der Reorganisation von kultureller Reproduktion, d.h. durch neue Formen der Erzeugung und der Distribution von Wissen. Das ist gemeint, wenn vom Aufbruch des epistemischen Raums der Gutenberg-Galaxis die Rede ist. Nicht die Verbindung von Theorie und Praxis, sondern eine neue Praxis der trans- formierten "Publizität" (Kant), die von der Mediengeneration n+1 geleistet werden wird. Wo mancherorten praktischer Pessimismus angesagt ist, gerade auch bei Streifzügen durch das Netz, da sei wenigstens dieser theoretische Optimismus erlaubt. Die Prognosen aber überlassen wir getrost den Astrologen. 


     

     © Frank Hartmann 1998

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