Der Effekt von Bezugsgruppen, Meinungsumfragen und Einstellungspolarisierung

auf Meinungsbildung und Meinungsveränderung

(Hall, Vacra & Fisher, 1986)

Zusammengefasst von Julia Riegler

Die von Richard Hall, Phillip Varca und Terri Fisher durchgeführte Studie, die hier behandelt werden soll, untersucht den Effekt der Normen von Bezugsgruppen auf  die Einstellungen des Individuums, wenn diese Normen dem Individuum über die Ergebnisse von Meinungsumfragen vermittelt werden. In der der Studie zugrundeliegenden „Vermittlungshypothese“ spielen die vorangegangene Meinungspolarisierung als Faktor, der die Stärke des Bezugsgruppeneffektes beeinflusst und unterschiedliche Arten von Bezugsgruppen eine zentrale Rolle. Daher sollen nun vor Beschreibung der Planung, Durchführung und der Ergebnisse der Studie einige zum Verständnis wichtige Definitionen und theoretische Annahmen zur Problematik dargestellt werden.

Einleitung und Theorie

Es existiert eine Vielfalt von Definitionen von Bezugsgruppen. Die (für das Verständnis der Studie) bedeutendsten sollen hier kurz umrissen werden:

·        Der Begriff „Bezugsgruppe“ wurde erstmals von HYMAN (1942) verwendet, um Gruppen zu bezeichnen, die vom Individuum  als Maßstab  benutzt werden, um die eigene Statusposition zu bestimmen.

·        KELLEY (1986) differenziert zwischen der normativen Funktion und der vergleichenden Funktion von Bezugsgruppen. Erstere bewirkt, dass Bezugsgruppen Normen oder Verhaltensstandards für das Individuum festsetzen oder sie ihm aufzwingen. Durch letztere dient die Gruppe als Maßstab, mittels dem das Individuum sich selbst und andere bewertet.

·        BOTT (1954) unterscheidet zwischen direkter Bezugsgruppe (eine tatsächliche Gruppe, deren Normen vom Individuum internalisiert werden können) und konstruierter Bezugsgruppe (hypothetische Gruppe oder soziale Kategorie).

·        SHERIF (1953) schlug eine umfassendere Definition vor, nach der eine Bezugsgruppe jede  Gruppe ist, zu der das Individuum psychologisch in Beziehung steht oder eine Beziehung anstrebt.

·        SHIBUTANI (1955) arbeitete drei funktionale Definitionen von Gruppen aus: (1) Gruppen, die eine Vergleichsfunktion haben, (2) Gruppen, in denen Individuen eine Mitgliedschaft anstreben und (3) Gruppen, die Perspektiven für das Individuum bereithalten. Nach Shibutani sollte die dritte Definition herangezogen werden, um das  Konzept der Bezugsgruppe zu beschreiben, da sie einerseits global genug ist, um die Notwendigkeit anderer Definitionen auszuschließen, und andererseits spezifisch genug, um die Brauchbarkeit  für Forschungszwecke zu erhöhen.

Die hier zu besprechende Studie benutzte diese Definition Shibutanis als Gerüst, da sie sich als die am meisten lebensnahe und logische Annäherung an das Problem erwies. Für die Zwecke der Studie ist die operationale Definition von Bezugsgruppe als psychologische Gruppe, deren Normen den sozialen Bezugsrahmen eines Individuums darstellen, von zentraler Bedeutung. Darunter ist jede Gruppe zu verstehen, die das Individuum zur Strukturierung seiner persönlichen sozialen Welt wählt. Das kann entweder eine tatsächliche Gruppe von Menschen sein oder aber eine kognitive Gruppe von Menschen ohne physikalische Grenzen.

Dieser Linie folgend, umschrieb auch SHERIF (1953) Bezugsgruppen als Gruppen, die das Individuum mit Normen versorgen. Diese Normen werden als Anhaltspunkte zur Strukturierung des eigenen Wahrnehmungsfeldes benutzt. Sie liefern also Maßstäbe , die dem Individuum zur Organisation  und Interpretation seiner wahrgenommenen sozialen Realität dienen.

Viele Untersuchungsergebnisse bestätigen den Einfluss von Bezugsgruppen z.B. auf rassenbezogene Einstellungen, Arbeitszufriedenheit, Sozialisation durch Berufsrollen, Marijuanakonsum oder sogar Schmerzempfindlichkeit, sowie die Gültigkeit des Bezugsgruppenphänomens auf politischer Ebene und die Bedeutung der Massenmedien (besonders des Fernsehens).

Ebenfalls von Bedeutung für die Studie ist die Unterscheidung von positiven und negativen Bezugsgruppen.  Unter negativer Bezugsgruppe ist jede Gruppe zu verstehen, bei der ein Individuum motiviert ist, sich entgegenzusetzen. Sind für ein Individuum beide Arten von Bezugsgruppen wirksam, erweist sich die resultierende Haltung als stärker und andauernder als bei alleiniger Wirksamkeit nur eines Typs von Bezugsgruppen.

Weiters untersucht die Studie Faktoren, die die Stärke des Bezugsgruppeneffektes beeinflussen. Als eine wichtige Variable wurde daher vorangegangene Meinungspolarisierung und die Richtung der Einstellung vor dem Einfluss von Bezugsgruppen in die Untersuchung aufgenommen. Diese widmet sich vor allem der Beziehung zwischen der Stärke einer früheren Haltung zu einem Thema und dem Ausmaß, bis zu dem eine Bezugsgruppe diese Haltung beeinflussen kann.

Die Annahme (Hypothese) zu diesem Verhältnis lautete: Je weniger polarisiert oder stark eine Einstellung ist, desto größer wird der Einfluss einer entsprechenden Bezugsgruppe sein. Je größer der Mangel an Information zu einem Thema ist, desto größer ist die Abhängigkeit des Individuums von verlässlichen Informationsquellen und desto größer ist die Anfälligkeit von außen beeinflusst zu werden.

Der meinugsformende und  –verändernde Einfluss von Bezugsgruppen wird auch am Beispiel von öffentlichen Meinungsumfragen deutlich, deren Verwendung in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen ist. Die Studie untersuchte auch den potentiellen Effekt der Übermittlung normativer Bezugsgruppeninformation über das Medium der Meinungsumfragenergebnisse. Damit sollte die Möglichkeit geprüft werden, dass die Ergebnisse der Umfragen dazu dienen können, dass relevante Bezugsgruppennormen vom Individuum festgestellt werden und folglich Einstellungen zu dem betreffenden Thema beeinflussen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Meinungsumfragen lediglich Meinungen analysieren oder nicht auch Meinungen erzeugen.

Die Hypothesen der Studie waren also:

-        Information, die sowohl Normen positiver als auch negativer Bezugsgruppen in Form von Meinungsumfragenergebnissen enthält, beeinflussen die Meinungbildung und   Meinungsänderung des Individuums.

-        Die Variable der Einstellungspolarisierung beeinflusst die Stärke des Bezugsgruppeneffektes auf Meinungsbildung und  –änderung.

  

Durchführung der Untersuchung

Versuchspersonen

Versuchspersonen waren 180 PsychologiestudentInnen, von denen sich die eine Hälfte als der Demokratischen Partei und die andere als der Republikanischen Partei zugehörig bezeichnete.

 Meinungsfragebogen

Es wurde ein empirisch gewonnener Fragebogen verwendet. Zur Konstruktion dieses Fragebogens wurde zuerst ein Vorerhebungs-Fragebogen an 101 Personen ausgegeben, die auf einer 7-stufigen bipolaren Skala ihre Zustimmung zu 35Aussagen angeben sollten. Anschließend wurden Mittelwert und Varianz der Antworten für jedes Item berechnet.

Von diesen 35 Items wurden zwei Itemsets zu je 10 Items nach dem Kriterium der Abweichung des Mittelwerts vom neutralen Punkt der bipolaren Skala und dem Kriterium der Varianz ausgewählt. Die 10 Items mit der geringsten Mittelwertabweichung und Varianz wurden dem sogenannten „nicht-polarisierten Set“ zugeordnet. Dieses Itemset enthielt Items zu Themen, für die keine vorgefasste Meinung messbar war. Items, mit der größten Mittelwertabweichung und Varianz, wurden dem „polarisierten Set“ zugeordnet. Diese Items betrafen folglich Themen, für die eine konstante, messbare vorgefasste Einstellung existierte.

Der Fragebogen bestand also aus 20 zufällig angeordneten Items.

Es existierten drei Formen des endgültigen Fragebogens: Zwei enthielten Information, die angeblich die durchschnittliche Meinung einer nationalen Umfrage entweder der Demokraten oder der Republikaner darstellte. Tatsächlich waren diese Informationen aber identisch.

Ein Fragebogen, der der Kontrollgruppe vorgelegt wurde, enthielt keine Information bezüglich einer nationalen Umfrage.

Experimentelle Bedingungen  (UV)

Die Vp wurden sechs Versuchsgruppen und zwei Kontrollgruppen (eine „demokratische“ und eine „republikanische“) zugeteilt. Es gab zwei „Positive Bezugsgruppen–Treatments“, bei der die Versuchspersonen normative Informationen erhielten, die angeblich von Leuten derselben politischen Zugehörigkeit stammten. Unter der  „Negativen Bezugsgruppen-Bedingung“ erhielten die Versuchspersonen Informationen, die angeblich von Personen gegensätzlicher politischer Zugehörigkeit stammten.

 

Abhängige Variablen

Die Konformität wurde als die Differenz zwischen dem Mittelwert der Antworten bei der Vorerhebung und der Antwort der Versuchsperson auf ein Item definiert. Wenn die Antwort eine Veränderung weg von der Vorerhebungsantwort in die Richtung der vorgegebenen angeblichen Norm aufwies, wurde das Ausmaß der Veränderung gemessen und als Konformität definiert . Erfolgte die Veränderung in die entgegengesetzte Richtung, wählte man die Bezeichnung  Reaktanz (negative Konformität).

  

Ergebnisse

Zuerst wurde überprüft, ob die durchschnittlichen Antworten in der Zeit zwischen Vorerhebung und tatsächlicher Untersuchung nicht einer systematischen Veränderung unterlegen waren, was nicht der Fall war.

Zur Datenauswertung wurde ein dreifache Varianzanalyse herangezogen. Die Faktoren waren: „politische Partei der Vp“, „Art der Bezugsgruppe“ und „Itemset-Polarisiserung“.

Es konnte ein signifikante Wechselwirkung zwischen Art der Bezugsgruppe und Polarisations-Itemset festgestellt werden, ebenso wie ein signifikanter Haupteffekt für die Art der Bezugsgruppe. 

Eine genauere Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Art der Bezugsgruppe und „Itemset-Polarisierung“  zeigte, dass für  nicht-polarisierte Items positive Bezugsgruppen mit signifikant höherer Konformität einhergingen als negative Bezugsgruppen. Für die polarisierten Items war dies nicht der Fall.

Auch der Haupteffekt der Art der Bezugsgruppe wurde genauer geprüft, wobei sich zeigte:

-        Antworten von Vp, die angebliche Information einer positiven Bezugsgruppe erhalten hatten, wichen signifikant mehr vom Mittelwert ab als die Antworten der Personen in der Kontrollgruppe, die keine Informationen erhielten.

-        Vp, die Information einer positiven Bezugsgruppe erhielten, reagierten auf die normative Information mit Konformität.

-        Vp, die Information einer positiven Bezugsgruppe erhielten, zeigten signifikant höhere Konformität bezüglich der Bezugsnormen als jene, die Information negativer Bezugsgruppen erhielten. Negative Information hatte also nicht den angenommen Effekt.

 

Diskussion und Interpretation

Die Ergebnisse der Studie unterstützen also die angenommene Rolle der Bezugsgruppen für Meinungsbildung und –änderung, und das obwohl die Meinungen in der Studie völlig anonym geäußert wurden.

Eine mögliche Erklärung für den ausgebliebenen Effekt der Negativen-Bezugsgruppen-Information ist, dass die Norm der negativen Bezugsgruppe an Bedeutung verliert, wenn sie nicht im Gegensatz zu einer Positiven-Bezugsgruppen-Norm wahrgenommen wird (fehlende Vergleichsmöglichkeit).

Bezüglich der Frage nach den den Bezugsgruppeneffekt beeinflussenden Faktoren, bestätigte sich die Hypothese, dass Bezugsgruppennormen wirksamer sind, wenn zuvor keine fest verankerte Meinung vorhanden war.

Die Ergebnisse lassen jedoch keine Schlüsse auf die Langlebigkeit der Effekte oder die Art der Einstellung (politisch, moralisch...), die am meisten beeinflusst wird, zu.

Die Verwendung von Meinungsumfragenergebnissen als Medium für die normative Bezugsgruppeninformation, zeigte, dass es möglich ist, die Einstellung eines Individuums zu einem politischen Thema lediglich dadurch zu ändern, indem ihm relevante Meinungsumfragenergebnisse präsentiert werden. Für den Bereich der Politik würde das bedeuten, dass Haltungen zu einem Thema manipuliert werden könnten, indem bestimmte Zielgruppen mit selektiven Umfrageresultaten versorgt würden, besonders bei neuen Themen, wo die Meinungpolarisierung geringfügig ist.

Hinsichtlich der Ursache-Wirkungs-Beziehung  zwischen Individuum und dessen Bezugsgruppe, stütz diese Studie den Erklärungsansatz, dass ein Individuum aus irgendwelchen Gründen eine Bezugsgruppe wählt, von der es dann beeinflusst wird.

Andere Ansätze (zur wechselseitige Interaktion etwa) wären, dass sich das Individuum aufgrund bestimmter vorgefasster Meinungen  zu einer bestimmten Bezugsgruppe hingezogen fühlt, die mit dieser Meinung kompatible Normen vertritt.

  

Literatur:

Varca, P.E., Fisher, T.D., and Hall, G.H.  The Effect of Reference Groups, Opinion Polls, and Attitude Polarization on Attitude Formation and Change. Political Psychology, Vol.7 No.2, 1986

  

Weiterführende Literatur:

Braungart, R.G., und Braungart, M.M. (1979). Reference Group, social judgement, and student politics  Adolescence 14: 135-139

Bott, E. (1954). The concept of class as a reference group. Human Relations 7: 259-288

Dabelko, D.A. (1976). Reference group theory, social comparison theory, and the study of politics. J. Soc. Psychol. 99: 283-288

Fendrich, J.M. (1967). Perceived reference group support, racial attitudes, and overt behaviour. Am. Sociol. Rev. 32: 960-970

Kelley. H.H. (1968). Two functions of refernce groups. In Hyman, H.H., and Singer, E. (eds.), Readings in reference  group theory and research, Free Press, New York

Merton, R.K., and Kitt, A.S. (1950). Contributions to the theory of reference group behaviour. In Merton, R.K., and Lazerfiled, P.F. (eds.), Continuities in Social Research: Studies in the scope and method of „The american soldier“, Free Press, Glenocoe, III

Raven, B.H., and Gallo, P.S. (1965). The effects of nominating conventions, elections and reference group identification upon the perception of political figures. Human Relations 18: 217-229

Sherif, M. (1953). The concept of reference groups in human relations. In Sherif, M., and Wilson, M.V. (eds.), Group Relations at the Crossroads, Harper and Row. New York.

Shibutani, T. (1955). Reference groups as perspectives. Am. J. Sociol. 60: 562-569.

Smith, E.J. (1976). Reference group perspectives and the vocational maturity of lower socioeconomic black youths. J. Voc. Behav. 8: 321-336.

Wallace, S.E. (1966). Reference group behaviour in occupational role socialization. Sociol. Quart. 7: 366-372